Aktuelles

Klares Plädoyer für Aufrichtigkeit, Menschlichkeit und Freiheit

veröffentlicht am 18.09.2020

Bewältigung der DDR-Geschichte, das heißt auch Aufarbeitung des systemischen flächendeckenden Denunziantentums. Mit dem Film „Der Fall Wolfgang Schnur – ein unmögliches Leben“ lief in der Gedenkstätte Point Alpha ein Film auf der Leinwand, der das Leben von Wolfgang Schnur mit all seinen Ambivalenzen aufzeigte. Die Umrahmung lieferte Stephan Krawczyk mit Liedern und sehr persönlichen Schilderungen über Unterdrückung, Wiedervereinigung und Transformationsprozesse, moderiert von Jürgen Haase.

Wolfgang Schnur galt als Star und gierte nach Aufmerksamkeit. Als Bürgerrechtsanwalt, Vertrauensmann in der Evangelischen Kirche und später als Spitzenkandidat in der großen Politik war er eines der Gesichter der Friedlichen Revolution in der DDR. Eine große Zustimmung zu seiner Person bei der Volkskammerwahl in der DDR 1990 wäre die Krönung gewesen. Nur merkte bis dahin niemand, dass er ein doppeltes Spiel gespielt hatte. Jahrzehntelang war er parallel für die Staatssicherheit im geheimen Auftrag als hochrangiger Spitzel unterwegs gewesen, dies durchaus mit Fleiß und Ehrgeiz.
Der Offenlegung seiner Stasi-Akte im März 1990 folgte der freie Fall. Das Schicksal von Schnur, der sich stets zwischen Wahn und Wirklichkeit zwischen Tragik und Perfidie bewegte, war besiegelt. Seinem Ausschluss aus der Allianz für Deutschland folgte der Weg in die Bedeutungslosigkeit. Nur wenig später erkrankte er an Krebs und starb völlig verarmt mit 71 Jahren. Nicht einmal ein Grabstein existiert, nur ein kleines Schild mit dem Aufdruck „III-7-18 W. Schnur“.

Die Reaktionen am Ende der Vorführung sprechen Bände: der Gefühlszustand der Besucher und Besucherinnen im Haus auf der Grenze schwankte zwischen Kopfschütteln, Entsetzen und Wut. Auch 30 Jahre nach der Deutschen Einheit macht die Dokumentation von Alexander Kobylinski betroffen: Bespitzelung, Verrat und harte Strafen waren Markenzeichen für den unmenschlichen Unterdrückungsapparat der DDR. Mit Material aus 39 Stasi-Aktenordnern, aus Gesprächen mit Schnur selbst und mit seinen Opfern hat der Filmemacher ein beeindruckendes Werk über den „verratenen Verräter“ und die kriminellen Machenschaften eines totalitären Staates vorgelegt.

„Alles was Schnur machte, tat er nur für sich. Skrupellos, ohne Gewissen und Moral. Die Anderen spielten keine Rolle“, erinnert sich der Künstler Stephan Krawczyk auf dem Podium der Point Alpha Stiftung an seine eigenen leidvollen Erfahrungen mit dem System. Schnur hatte sich als Anwalt auch das Vertrauen des heute 64-Jährigen erschlichen, wurde Duz-Freund, um ihm letztendlich – wie vielen andere aus der Reihe der Aufmüpfigen – ans Messer zu liefern. Was für Krawczyk folgte, waren Verhöre, Gefängnis und Abschiebung. Krawczyk plaudert unterhaltsam aus seinem Leben. Der Musiker und Schriftsteller nimmt dabei kein Blatt vor den Mund, formuliert kraftvoll und spart auch nicht mit Humor und Selbstironie. Kräftigen Applaus erhält er immer wieder für seine Lieder, die er mit klugen, poetischen Metaphern aber auch politisch pointiert auf der Gitarre vorträgt. Und weiterhin erhebt er seine Stimme gegen Missbrauch von Macht, gegen heimtückische Ideologien, weist hin auf den Unterschied zwischen Recht und Unrecht und drückt in seinen Stücken aus, wie man sich als Mensch fühlt und was es bedeutet, Mensch zu sein.
Die Moderation lag in den Händen von Prof. Jürgen Haase aus Berlin, Filmproduzent und geschäftsführender Gesellschafter des Wilhelm Fraenger-Instituts, zugleich Kooperationspartner der Veranstaltung. Zu Beginn hatte der Geschäftsführer der Point Alpha Stiftung, Sebastian Leitsch, die Gäste begrüßt und zugleich darauf hingewiesen, dass am 28. Oktober eine spannende Folgeveranstaltung mit Stephan Krawczyk und Prof. Jürgen Haase in der Gedenkstätte auf dem Programm steht.

A: An einem Relikt aus früheren Grenzzeiten: Filmproduzent Prof. Dr. Jürgen Haase (links) und Liedermacher Stephan Krawczyk waren zu Gast in der Gedenkstätte Point Alpha                                     Fotos: Point Alpha

B: Der Geschäftsführer der Point Alpha Stiftung, Sebastian Leitsch (r.), mit dem Künstler und ehemaligen DDR-Dissidenten Stephan Krawczyk und Prof. Dr. Jürgen Haase vom kooperierenden Wilhelm-Fraenger-Institut.

C: Auf dem Podium der Point Alpha Stiftung im intensiven Austausch über Unterdrückung und Bespitzelung im System der DDR: Krawczyk (l.) und Prof. Haase.

D: Ein Wort- und Liedkünstler der Extraklasse.

Bilder