Fulda Gap

Das hübsche Städtchen Fulda, das im Dritten Weltkrieg eine Wüste geworden wäre -

Diese kleine deutsche Stadt war „Ground Zero“ für den Fall, dass der Kalte Krieg heiß geworden wäre

- Artikel, veröffentlicht im September 2013, ins Deutsche übersetzt

Vierzig Jahre lang, auf der Höhe des Kalten Krieges, war ein kaum bekannter Ort als Schlachtfeld des Dritten Weltkrieges vorgesehen.

Östlich neben der hessischen Stadt Fulda, nahe der innerdeutschen Grenze gelegen, war er einer der waffenstarrendsten Punkte der Erde. Und er war einer der wenigen Punkte, wo fast mit Sicherheit Kernwaffen zum Einsatz gekommen wären, wenn der Kalte Krieg heiß geworden wäre. 

M-60A2-Panzer der US-Armee in Deutschland. (Foto US-Armee)„Fulda Gap“ (Fulda-Lücke oder Senke) wurde ein Codebegriff für den Dritten Weltkrieg sowie „North German Plain“ (Norddeutsche Tiefebene) und „Hof Corridor“. Von Fulda Gap zu sprechen, war wie sich heute mit dem Begriff „Afpak“ (Afghanistan/Pakistan) zu schmücken – es implizierte, dass man eine Menge über den Dritten Weltkrieg wusste. Es gab Stellen, wo im Kriegsfall aufgrund geografischer Gegebenheiten unweigerlich gekämpft worden wäre. Die Schlacht im Fulda Gap wurde zum Thema von Kriegsspielen, und eine fiktive Beschreibung der Schlacht erschien in dem Roman „The Third World War“ von Sir John Hackett.

Im Kriegsfall wäre Fulda Gap rasch einer der schlimmsten Orte der Erde geworden.

Ein Städtchen als Opfer der Geopolitik

Fulda ist eine deutsche Kleinstadt mit 60.000 Einwohnern, die sich in hügeliges, schachbrettartig aufgeteiltes Ackerland schmiegt. 

Die Stadt selbst hat keinen besonderen militärischen Wert; der Wert liegt in dem Gelände, das sie umgibt. Der Begriff „Lücke oder Senke“ bezieht sich auf die umliegenden Täler und Verkehrswege, die durch das nahe Gebirge führen. Von Osten eindringende Streitkräfte wären durch diese Täler vorgerückt – und von Fulda aus ist es ein leichter, schneller Marsch bis zum strategisch wichtigen Standort Frankfurt und zum Rhein. 

Die Verteidigung Fuldas war der US-Armee in Europa überlassen, genauer dem V. Corps. Auf der anderen Seite der innerdeutschen Grenze stand die Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland, die dafür sorgen sollte, dass der Dritte Weltkrieg auf dem Boden anderer ausgetragen wurde, nicht dem der Sowjetunion.

Näher vor Ort war auf amerikanischer Seite das 11. Panzeraufklärungsregiment (Armored Cavalry Regiment, ACR) für die Bresche verantwortlich – eine einzigartige, mechanisierte Aufklärungseinheit mit etwa 5.000 Mann. Das „Blackhorse Regiment“, wie es genannt wurde, hatte den Auftrag, die Augen und Ohren der amerikanischen Kräfte in jenem Teil Deutschlands zu sein, einmarschierende Truppen des Warschauer Pakts zu beobachten und deren Positionen der NATO zu melden. Das 11. Regiment, das sich als Nachkomme der alten Kavallerieeinheiten der US-Armee verstand, bezeichnete seine Bataillone als „squadrons“ (Schwadronen) und seine Kompanien als „troops“ (Truppen).

Panzeraufklärungsregimenter waren nicht wie die typischen Einheiten für das Landgefecht. Jedes bestand aus über 100 schweren Abrams-Kampfpanzern und ebenso vielen Bradley-Schützenpanzern. ACRs ähnelten Miniatur-Divisionen: Anders als die meisten Einheiten dieser Größe hatten sie ihre eigene schwere Artillerie, Späh- und Angriffshubschrauber.

Unterstützt wurde das 11. Panzeraufklärungsregiment vom Rest des V. Corps: der 3. Panzer- und der 8. Infanteriedivision mit weiteren 700 Abrams-Panzern und ebenso vielen Bradley-Schützenpanzern plus Angriffshubschraubern und Artillerie. Amerikanische Luftstreitkräfte in Form von A-10-Panzerjägern und F-16-Kampfbombern konnten für gefechtsnahe Unterstützung aus der Luft dazu geholt werden.

Insgesamt war es eine starke Streitmacht und so nah daran, ein nicht bewegliches Hindernis zu sein, wie es das moderne Kriegshandwerk damals ermöglichte.

Ihr gegenüber stand eine Streitmacht, die ebenso nah daran war, unaufhaltsam zu sein: fünf sowjetische Panzer- und vier mechanisierte Infanteriedivisionen hatten die Aufgabe, durch Fulda Gap vorzudringen und die westdeutsche Finanzhauptstadt Frankfurt anzugreifen. Die 8. Gardearmee der Sowjets sollte als Speerspitze fungieren, gefolgt von der 1. Gardepanzerarmee. Insgesamt über 100.000 Mann, 1.000 Panzer und weitere 1.000 Mannschaftstransportwagen, unterstützt durch Hubschrauber und Artillerie.

Im Fulda Gap wären diese beiden Heere in einer der größten Panzerschlachten der Geschichte zusammengestoßen; auf dem Spiel hätte das Schicksal von 70 Millionen bundesdeutschen Zivilisten und ihrer Regierung gestanden.

Sowjetische T-54-Panzer und gepanzerte Mannschaftstransportwagen vom Typ BTR-60. (Quelle: http://callitaweasel.wordpress.com/Taktik

Der Plan der Sowjets war relativ simpel. Zuerst sollten die sowjetischen Kräfte mit den vier Divisionen der 8. Gardearmee voran durch die Bresche dringen; dazu sollten eine Menge T-80-Panzer und gepanzerte BTR-Mannschaftstransportwagen über die Grenze preschen und die amerikanischen Verteidigungslinien durchbrechen. Zuvor bestimmte NATO-Positionen sollten unter Artilleriebeschuss genommen werden, und Luftlandeeinheiten sollten an entscheidenden Stellen Infanterie absetzen. Der Einsatz von Chemiewaffen war wahrscheinlich.

Wenn die 8. Gardearmee erschöpft war, sollten die vier Panzerdivisionen und eine motorisierte Schützendivision der 1. Gardepanzerarmee übernehmen, gewonnenes Terrain nutzen und den Vorstoß auf Frankfurt, den Rhein und dahinter die deutsch-französische Grenze fortsetzen.

Um diese Panzerwalze abzuwehren, entwickelten die Armee und die Luftwaffe der USA ein operatives Konzept namens „AirLand Battle“ (Luft-Boden-Gefecht). AirLand Battle war eine Verbindung aus Land- und Luftstreitkräften mit dem Ziel, sowjetische Panzerformationen zu durchbrechen. Für den Luftaspekt von AirLand Battle sollten Flugzeuge wie der inzwischen eingemottete Bomber F-111 eingesetzt werden, um in der Tiefe zuzuschlagen und den Fluss von Verstärkung und Nachschub zu den Frontlinien zu unterbrechen, während A-10-Hubschrauber der Luftwaffe und Apache-Hubschrauber der Armee die feindlichen Frontlinien angreifen sollten, vor allem Panzer.

Für den Landaspekt sollten Panzer und Infanterie die Frontlinien halten, unterstützt durch Artillerie. Der Gesamteffekt sollte sein, den Feind vom Aufbruch in Richtung Fulda Gap bis zu den Frontlinien ununterbrochen zu zermürben und aufzureiben.

Davy Crockett- Werfer mit nuklearem Sprengkopf (US-Army)Doch damit nicht genug …

Beide Seiten hatten Pläne, in der Bresche taktische Kernwaffen einzusetzen. Die Amerikaner hätten sie eingesetzt, um Panzer-formationen, Nachschub- und Hauptquartiereinheiten zu zerstören. Die Sowjets hätten sie eingesetzt, um sich einfach den Weg durch amerikanische Verteidigungslinien freizusprengen. Beide Seiten hatten Atomraketen mit geringer Sprengkraft und Artillerie, aber die Amerikaner hatten zusätzlich nukleare Minen, die am besten als 5.000-mal so zerstörerisch wie reguläre Landminen zu beschreiben sind und obendrein noch mit radioaktivem Niederschlag den Tod bringen.

Ob sie zum Einsatz gekommen wären oder nicht, hing weitgehend davon ab, wie gut es für die Amerikaner lief – wenn sich das V. Corps halten konnte, wäre der Einsatz von Kern- und Chemiewaffen unwahrscheinlich gewesen.

Auf der sowjetischen Seite sah es allerdings anders aus. Eine der Erkenntnisse nach dem Fall der Mauer war, dass der Einsatz von Kernwaffen bei einer Invasion, den die NATO für möglich gehalten hatte, für die Sowjets beschlossene Sache gewesen war. Jede sowjetische Kriegsplanung, die in den Archiven des Warschauer Pakts ausgegraben wurde, ging von großzügigem Einsatz von Kernwaffen aus – bis zu 300 oder mehr.

Dies hätte fast mit Sicherheit die Fulda Gap in eine einzige radioaktiv verseuchte Zone verwandelt, und das 11. Panzeraufklärungsregiment wäre ganz oder wenigstens zum großen Teil pulverisiert worden.

1989 fiel die Mauer, und es war klar, dass der Warschauer Pakt, vielleicht sogar die Sowjetunion selbst, auseinanderfiel. 1992 wurde die mächtige Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland demobilisiert, und die 8. Garde- sowie die 1. Gardepanzerarmee wurden aufgelöst. Alle neun Divisionen hatten nie einen Schuss im Zorn abgegeben, und dabei blieb es.

Nicht so bei den Amerikanern. Zwar wurde die Schlacht in der Fulda Gap in Deutschland nie geschlagen, aber statt ihrer gab es die Operation Desert Storm im Irak.

Sowjetische Luna-Kurzstreckenrakete (Archiv Point Alpha)Die 3. Panzerdivision, die gegen Ende 1990 schon im Abbau gewesen war, wurde wieder auf volle Stärke gebracht und in Saudi-Arabien eingesetzt. Als Bestandteil des VII. Corps der US-Armee war sie an der fünftägigen Bodenoffensive beteiligt, die die irakische Armee vernichtend schlug und Kuwait befreite. Die Iraker waren mit T-72-Panzern und BMP-Schützenpanzern ausgerüstet – ähnlich denen, die sich zu Tausenden durch die Fulda Gap gewälzt hätten.

Heute gibt es wenig Anzeichen für die Verwüstung, die Fulda erlitten hätte, und auch nicht mehr für die militärische Präsenz, die sie verursacht hätte.

Nach dem Zerfall des Warschauer Pakts sowie der Sowjetunion und der deutschen Wiedervereinigung liegt Fulda nun sicher und geborgen in einem der friedlichsten Länder der Erde. Dass diese kleine Stadt in einem taktischen Atomkrieg eine radioaktiv verseuchte Wüste hätte werden können, scheint absurd. Doch in der kalten Logik jener Zeit war es absolut denkbar. Eines Tages kann es in einem anderen Teil der Welt, an neuen Verwerfungslinien der Geschichte und der Geopolitik, ein neues Fulda geben, dem die Vernichtung droht.

von KYLE MIZOKAMI (Update 30. September 2013);

Den Artikel im Original finden Sie als Anhang am Ende dieser Seite.