Haus auf der Grenze

Das „Haus auf der Grenze" ist in sich bereits ein Stück deutsch-deutsche Erfolgsgeschichte. Nachdem Anfang der 1990er Jahren engagierte Bürger beiderseits der ehemaligen Grenze die Renaturierung des US-Beobachtungsstützpunkts Point Alpha verhindert hatten, kamen immer mehr Besucher auf das dortige Gelände. Das Wunsch, an diesem einmaligen Ort der vergangenen Blockkonfrontation auch über das Grenzregime der DDR informieren zu können, war groß – ebenso wie das Bedürfnis, das eigene Leben und Leiden an der ehemaligen Grenze darzustellen. Das US-Camp verbot sich für eine solche Ausstellung. Um eine realistische, auch für spätere Generationen nachvollziehbare und ausgewogene Darstellung der Verhältnisse auf der östlichen Seite der innerdeutschen Grenze zeigen zu können, wurde schließlich das „Haus auf der Grenze" gebaut. Die beiden Fördervereine auf hessischer und thüringischer Seite hatten mit Erfolg um öffentliche Aufmerksamkeit und Fördermittel gekämpft.

(Foto: Birgit Konrad)
 
Der 2003 errichtete Neubau steht direkt auf dem ehemaligen Kolonnenweg. Hier werden Entwicklungen und Ereignisse im Zusammenhang mit dem Grenzregime der DDR veranschaulicht. Im März 2014 wurde nach aufwendiger Sanierung die Dauerausstellung "Die Staatsgrenze der DDR im Kalten Krieg" eröffnet, die insbesondere auch junge Besucher einlädt, sich mit der Thematik "Kalter Krieg" und "Leben an und mit der Grenze" auseinanderzusetzen. Wichtige Elemente sind die anschaulichen Darstellungen zur Entwicklung der Grenzanlagen sowie die Auseinandersetzung mit den Erfahrungen der Zeitzeugen.
 

„Die Staatsgrenze der DDR“ im Kalten Krieg

Die Dauerausstellung im Haus auf der Grenze hat den Anspruch, die Geschichte der deutschen Teilung vor dem Hintergrund des Kalten Krieges und der globalen Konfrontation der militärischen Blöcke gerade jugendlichen Besuchern 25 Jahre nach der Grenzöffnung zu vermitteln. Beginnend mit dem Bruch der Anti-Hitler-Koalition, widmet sie sich in der Folge unter anderem den möglichen militärischen Szenarien in der Region, dem sogenannten „Eisernen Vorhang“, dem Grenzregime der DDR und dessen Entwicklung sowie dem Leben an und mit der Grenze im Gebiet um Geisa und Rasdorf.  

 

(Fotos: Bilderwerk-Geisa)

Damit vollendet sich das gemeinsame Vorhaben, den künftigen Besuchern zwischen dem denkmalgeschützten amerikanischen Beobachtungsstützpunkt auf hessischer Seite und dem thüringischen „Haus auf der Grenze“ einen eindrucksvollen Rundgang über das gesamte 100.000 Quadratmeter große Gedenkstättengelände zu ermöglichen. Ausgehend vom historischen Ort – dem Sperrgebiet um Geisa – wird die neue Ausstellung die historische Entwicklung der innerdeutschen Grenze nunmehr auch im weltpolitischen Kontext darstellen.

(Fotos: Bilderwerk-Geisa)

Vor allem jugendliche Besucherinnen und Besucher sollen durch Beschreibungen von alltäglichen Lebenssituationen, die den Vergleich mit den heutigen Umständen ermöglichen, die Zeit der Teilung nacherleben können. Die Ausstellung dient auch als lebendiges Archiv für die Regionalgeschichte und macht dafür mit über 20 exklusiv für diese Ausstellung produzierten Zeitzeugengesprächen einen Anfang. Modernste technische sowie innovative elektronische und mediale Komponenten, wirksam fachlich-didaktisch aufbereitet, tragen dazu bei, die dargestellten vielschichtigen historischen Sachverhalte rational, emotional, mit allen Sinnen erfassbar und damit nachvollziehbar zu präsentieren. Eine Erzählstation als „Storypoint“ lädt am Ende des Rundganges die Besucher ein, ihre eigenen Erlebnisse auf Bild- und Tonträgern oder via Scanner zu dokumentieren und damit hautnah erlebte Geschichte selbst fortzuschreiben und für nachfolgende Generationen zu konservieren. So wird es möglich, sich selbst mit unmittelbar individuell Erlebtem wirkungsvoll einzubringen in eine empirisch-sinnliche Geschichtsvermittlung, die sich nicht in bloßen eindimensionalen Belehrungen verliert.

 


 

Zwangsaussiedlung und geschleifte Höfe

Das Grenzregime der DDR verschärfte sich seit Anfang der 1950er Jahre beträchtlich und der Grenzbereich der Demarkationslinie wurde seit 1952 stufenweise erweitert. Zunächst diente ein Abschnitt von zehn Meter Breite als „Spurensicherungsstreifen", dessen Betreten verboten war innerhalb eines 500 Meter "Grenzschutzstreifens". Zudem wurde eine fünf Kilometer breite „Sperrzone" festgelegt. Alle Bewohner dieser so genannten „Sperrzone" wurden durch Volkspolizeidienststellen besonders erfasst. Seit dem Frühjahr 1952 wurden dem Regime unliebsame Personen aus dem Grenzgebiet in das Innere der DDR zwangsumgesiedelt.

Im Rahmen zweier großer Aktionen, die intern unter den Namen „Aktion Ungeziefer" und „Aktion Kornblume" angelaufen waren, wurden insgesamt 11 000 Menschen vertrieben und zwangsumgesiedelt. Es handelte sich hierbei um reine Willkürmaßnahmen zur Einschüchterung der Bevölkerung in den abgeriegelten Sperrgebieten. Einige Familien erfuhren erst kurz vor der geplanten Räumungsmaßnahme von ihrer bevorstehenden Aussiedlung und verließen mit allem, was sich auf die Schnelle greifen ließ, ihre Heimat in Richtung Westen. Etliche, zum Teil sehr traditionsreiche Gehöfte in Grenznähe wurden zwangsweise geräumt und abgerissen („geschleift").

Ausbau der Sperranlagen 1960 und 1970

Entgegen den öffentlichen Beteuerungen des damaligen DDR-Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht traten am 13. August 1961 erneut verschärfte Bestimmungen zur innerdeutschen Grenzsicherung in Kraft. Am 14. September erließ das Innenministerium der DDR den Befehl (Nr. 39/61) zur „Gewährleistung der Sicherheit an der Westgrenze der DDR". Das SED-Politbüro verlangte schon 1961 die „pioniermäßige Verstärkung der Staatsgrenze West". Hierzu wurde der systematische Ausbau der Staatsgrenze in drei Etappen festgelegt. Bis zum 1. April 1962 sollte die Grenze durch Drahtminen, Straßensperren und Beobachtungstürme befestigt werden. Bis dahin wurden allein auf 614 Kilometern Minensperren errichtet.

Jeder wahrgenommene „illegale Grenzübertritt" wurde von den „Organen der Staatssicherheit" akribisch genau analysiert, ausgewertet und beim weiteren Ausbau der Sperranlagen weitestgehend berücksichtigt. So trugen gelungene Fluchtversuche ungewollt zur stärkeren Sicherung der Grenze bei. Die immensen Kosten jeder Erweiterung der Sperranlagen spielten dabei keine Rolle.

Die Grenze bleibt Realität - 1971 bis 1989

Anfang der 1970er Jahre wurde das Grenzregime nochmals verschärft, indem die DDR-Führung beschloss, Splitterminen am Streckmetallzaun zu installieren.

Am äußeren Grenzzaun wurde an der der DDR zugewandten Seite die Splittermine SM 70 angebracht. Bei Berührung löste diese eine 110 Gramm schwere TNT-Ladung aus, die 80 Stahlsplitter verschoss. Diese „Selbstschussanlagen" fügten den Flüchtlingen schwerste Verletzungen zu und führten entweder zum Tode oder zu bleibenden Schäden. Im Jahre 1977 konstatierte eine Gruppe des SED-Zentralkomitees, dass die 1 393 Kilometer lange Grenze zur Bundesrepublik mit 870 km Grenzzaun gesichert sei. Davon waren 271 Kilometer mit der berüchtigten Splittermine SM 70 und 271 Kilometer mit Erdminen ausgestattet worden. Hinzu kamen 1 206 Kilometer an Kolonnenwegen, 602 Kilometer an Kfz-Sperrgräben, 434 Beobachtungstürme und 2 640 Wachhunde.

Nach Unterzeichnung der KSZE-Schlussakte von Helsinki wurden die Selbstschussanlagen demontiert, aber nicht bevor 500 m landeinwärts ein zweiter Grenzzaun errichtet war, der so genannte Signalzaun. Dieser Zaun war mit Signaldrähten ausgerüstet, die bei Berührung einen stillen Alarm an eine der nächst gelegenen Führungsstellen gab. Hier konnte man den genauen Sektor der möglichen „Grenzverletzung" bestimmen und so Flüchtende noch vor dem letzten Grenzzaun stellen.

Die Grenztruppen der DDR

Unter sowjetischer Ägide wurde am 1. Dezember 1946 die paramilitärische Deutsche Grenzpolizei gegründet. Zunächst war sie dem Ministerium des Inneren unterstellt. Nach dem Mauerbau kam sie unter das Kommando des Ministeriums für Nationale Verteidigung. Somit waren die Grenztruppen regulärer Bestandteil der Bodenstreitkräfte der DDR, der Nationalen Volksarmee (NVA).

Nachdem in den 1970er Jahren die Grenztruppen als Grenzbrigaden aufgelöst und sie in die Grenzkommandos Nord, Mitte und Süd umstrukturiert worden waren, wurden sie im Januar 1974 aus der NVA herausgelöst und als eigenständige Truppengattung unter dem Namen „Grenztruppen der DDR" aufgestellt. Als militärische Einheit verfügte sie zum Zeitpunkt des Mauerfalls über eine Truppenstärke von 47 000 Mann.

Das für den Abschnitt am Rasdorfer Berg zuständige Grenzregiment Florian Geyer in Dermbach gehörte zum Grenzkommando Süd und überwachte das besonders sensible Gebiet im „Thüringer Balkon". An dieser Stelle ragte das Territorium der DDR am weitesten in bundesdeutsches Gebiet hinein und wäre ohne Zweifel der bevorzugte Weg für einen Vorstoß in das kaum 80 Kilometer entfernte Rhein-Main-Gebiet gewesen.

Der Schießbefehl

Für die Grenztruppen der DDR gab es zunächst keinen einheitlich geregelten Befehl zur Anwendung von Waffengewalt an der Grenze. Diese wurde lediglich in streng geheimen Dienstvorschriften behandelt. 1982 verabschiedete die DDR-Volkskammer das menschenverachtende Grenzgesetz. Dessen § 27, der so genannte „Schießbefehl", sah die Waffenanwendung bei der Verhinderung von Straftaten vor, zu denen man auch den Grenzübertritt zählte. Der so genannte „Schusswaffengebrauch" wurde den Grenzsoldaten nur mündlich mitgeteilt.

Bei 233 000 recherchierten Fluchtversuchen geht man heute von mehreren hundert Todesfällen an der Berliner Mauer sowie der innerdeutschen Grenze aus. Die Recherche zu jedem einzelnen möglichen Grenztoten gestaltet sich sehr schwierig, da bewusst auch Akten gefälscht, Zahlen beschönigt oder Zeugen mittlerweile gestorben sind. Auch fallen manche Suizide oder Unfälle in den Verantwortungsbereich der Grenzsicherung.

Der von den Verantwortlichen bis heute meist geleugnete Schießbefehl zeigt einmal mehr, in welcher zynischen und menschenverachtenden Weise in der DDR Menschenrechte missachtet wurden, allen voran von der damaligen SED-Führung. Ab 1992 wurden wegen der Tötungsdelikte an der innerdeutschen Grenze in mehreren Prozessen Mitglieder des Politbüros, u. a. Erich Honecker, des Nationalen Verteidigungsrates, aber auch Grenzoffiziere und Grenzsoldaten verurteilt – allerdings in überschaubarem Umfang.