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Von Point Alpha ins Marshall-Haus - Auf den Spuren George C. Marshalls...

veröffentlicht am 12.06.2015

Auf den Spuren George C. Marshalls, des vielleicht wichtigsten und in Deutschland leider zusehends vergessenen Architekten der europäischen Integration.

Im Besuchsprogramm liest es sich für den Uneingeweihten vielleicht wie ein Standardtermin: Besuch des Wohnhauses von George C. Marshall in Leesburg, Virginia. „Dodona Manor“  war lange Lebensmittelpunkt für George C.Marshall und seine Frau Katherine, die dort  regelmäßig illustre Gäste wie Harry S. Truman oder Madame Tschiang Kai Schek  empfingen. Für Volker Bausch, den Direktor der Point Alpha Stiftung, hatte es einen Moment lang fast etwas Sakrales. Er, der Deutsche, der jetzt als Direktor der Point Alpha Stiftung auch für den vormaligen amerikanischen Beobachtungsposten „OP Alpha“ zuständig ist, war im Hause des Mannes, der sein Leben, wie das der meisten Nachkriegsdeutschen, einschneidend geprägt hat. Den meisten ist das nur nicht bewusst.

Bausch selbst formuliert es so: „Ohne seine kühne Vision vom Wiederaufbau des kriegszerstörten Europa unter Einschluss des für die Katastrophe verantwortlichen Deutschland gäbe es das Europa, das wir kennen, heute nicht und ich selbst hätte all die Chancen und Möglichkeiten in meinem Leben nicht gehabt.“ Um zu verstehen, wie tief ihn dieser Moment in Marshalls Haus berührt hat, muss man ihn sehen und seine Stimme hören, wenn er davon erzählt. Vor allem aber man muss man wissen, wer George C. Marshall eigentlich war. Dafür, dass er so bedeutend für die europäische Nachkriegsgeschichte ist, ist über ihn hierzulande erschreckend wenig bekannt.

Natürlich hat jeder schon einmal von dem nach ihm benannten Marshallplan gehört, verbindet damit amerikanische Hilfe beim Wiederaufbau im Westen nach dem Krieg, aber das war es meist schon. Ein US-General und späterer Außenminister hat es heute schwer, als positive Identifikationsfigur noch Eingang in die Bildungspläne deutscher Schulen zu finden. Vielleicht hätte er es dort leichter, wenn bekannter wäre, dass ihn der in den fünfziger Jahren als Kommunistenjäger berüchtigte Senator Joseph Mc Carthy als „Helfer der Kommunisten auf dem Weg zur Weltherrschaft“ beschimpfte. Die Kommunisten ihrerseits hatten im Marshallplan ein perfides Instrument gesehen, mit dem die europäischen Länder daran gehindert werden sollten, sich auf den Weg zum Sozialismus zu begeben.

In besagtem Haus in Leesburg, Teil des heutigen George C. Marshall International Center, ist man allerdings wahrscheinlich eher beschämt, wenn einem zum früheren Hausherrn nur der nach ihm benannte Plan einfällt und oft noch nicht einmal dessen Tragweite bewusst ist.

1936 wird Marshall zum General befördert, Präsident Roosevelt ernennt ihn zum Chief of Staff of the Army. Nach Amtsübernahme machte er sich sofort daran, die US-Army zu reformieren und auf den Krieg vorzubereiten. Während des Krieges koordinierte Marshall alle alliierten Operationen in Europa und im Pazifik. Für Winston Churchill war er der „Organisator des alliierten Sieges“. Das Time Magazine erklärte ihn 1943 zum „Mann des Jahres“.

Nach Kriegsende 1945 verließ er die Armee und versuchte sich nun an etwas ungleich Schwererem – einer Friedensordnung. Zunächst ging er nach China, um dort einen Waffenstillstand zwischen der offiziellen Regierung unter Tschiang Kai-schek und den kommunistischen Truppen unter Mao auszuhandeln. Dass er dabei letztlich erfolglos blieb, hat ihn nach der Rückkehr in die USA 1947 nicht entmutigt.

Vom Präsidenten Harry S. Truman zum Außenminister ernannt, kümmerte sich Marshall nun um die europäische Nachkriegsordnung. Das, was später als Marshallplan in aller Munde sein würde, stellte er im Juni 1947 als amerikanisches „European Recovery Program“ erstmals der Öffentlichkeit vor. Die von ihm konzipierte Wiederaufbauhilfe aus den Vereinigten Staaten war getragen von einer seinerzeit geradezu revolutionären Idee, die für Zeitgenossen etwas Ungeheuerliches hatte: Europa sollte insgesamt geholfen werden – den Siegern ebenso wie den Besiegten. Ausgerechnet diese Deutschen, von deren barbarischem Massenmorden die westliche Öffentlichkeit immer noch entsetzt war, sollten nun amerikanische Hilfe zum Wiederaufbau bekommen, anstatt Reparationen an die Siegermächte zu zahlen?

Doch Marshall war klar, wie gefährlich es für die Zukunft sein würde, die Kriegsverlierer auf längere Sicht nur als Feinde zu behandeln und zu demütigen. Hier wurde das noch vom Krieg zerrissene Europa schon als der einheitliche Raum gesehen, zu dem es sich auch dank der Wiederaufbauhilfe entwickeln konnte.

Auch die Frontlinien des beginnenden Kalten Krieges mit der Sowjetunion hätte Marshall gern aufgeweicht. Auch den osteuropäischen Staaten bot Marshall Hilfen aus dem „European Recovery Program“ an, zu den gleichen Konditionen, wie allen anderen. Als die Tschechoslowakei Marshallplan-Hilfe annehmen wollte, intervenierte die Sowjetunion. Amerikanische Hilfe sollte es im Machtbereich der Kommunisten nicht geben. Das wäre eine Schmälerung des eigenen Einflusses und damit ihrer Macht. Und wer in einer Diktatur Menschen dabei unterstützt, unabhängiger von der Macht des Diktators zu werden, ist natürlich einer der schlimmsten Feinde.

Die Kommunisten ließen ihren Propagandaapparat gegen die Marshallplanhilfe auf Hochtouren laufen. Sie hatten berechtigte Angst vor Marshalls Erfolg und brandmarkten dessen Programm als Kriegslist, mit der die US-Imperialisten nur ihren Einfluss zementieren wollten. Viel später sollte sich Marshalls Hilfe dennoch auch für den Osten Deutschlands auszahlen. Darauf verweist Volker Bausch bei seinen Erinnerungen an Marshall gern: „Es lohnt sich im Übrigen, daran zu erinnern, dass bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), deren Geschichte ebenfalls auf den Marshallplan zurückgeht, bis zum heutigen Tag  ein Sondervermögen aus dem Marshallplan in Höhe von 12 Mrd. € zur Wirtschaftsförderung gerade auch in den so genannten neuen Bundesländern verwaltet wird“.

Für die Kooperation und spätere Aussöhnung der einstigen Feindstaaten im Westen konnte der Marshallplan allerdings noch zu Marshalls Lebzeiten die entscheidende Grundlage legen. Der Versuch, gleichzeitig auch noch eine Ost-West-Entspannung zu initiieren, konnte in einer Zeit, da im Kreml ein skrupelloser Diktator wie Josef Stalin saß, noch nicht gelingen. Aber es war ein sehr weit vorausschauendes Vorhaben.

Außenminister blieb Marshall bis 1949, wurde im Jahr darauf noch einmal zum Verteidigungsminister ernannt, doch nach McCarthys Attacke zog er sich 1951 aus allen politischen Ämtern zurück. Niemand sollte ihn einen „Helfer der Kommunisten“ nennen.

Marshalls Ansehen schadete das nicht. Das Time Magazine erklärte ihn 1953 noch einmal zum Mann des Jahres, im gleichen Jahr bekommt er den Friedensnobelpreis. 1959 stirbt Marshall in Washington.

Volker Bausch führt mit Point Alpha den einst wichtigsten Beobachtungspunkt der US-Army als Gedenkstätte. Dort, wo die einen bis 1989 die ersten Truppenvorstöße eines Dritten Weltkriegs in Europa planten und die anderen erwarteten, lag einer der heißesten Punkte im Kalten Krieg. Wer an einem solchen Ort deutsch-amerikanischer Geschichte arbeitet, für den gehören enge transatlantische Kontakte natürlich zum Alltag, ebenso wie regelmäßige Aufenthalte in den USA. Erst im vergangenen Mai war er wieder mehrere Wochen auf einer Vortragsreise, veranstaltet von langjährigen Kooperationspartnern, wie dem „American Council on Germany“, der unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg von dem ehemaligen Alliierten Hochkommissar für Deutschland, John J. Mc Cloy und dem vor den Nazis geflohenen deutsch-jüdischen Bankier Eric M. Warburg gegründet wurde, und dem „Transatlantic Outreach Program“. Trotz solcher Routine, kann der Besuch in Marshalls Haus noch etwas Besonderes sein?

 „Es war sowohl für mich persönlich als westdeutsches Nachkriegskind aber auch als Vertreter der Point Alpha Stiftung, die sich thematisch intensiv mit dieser Epoche befasst, ein bewegender Moment, in den historischen und original erhaltenen Räumen des früheren Wohnhauses von George C. Marshall zu sprechen, dem wir so viel zu verdanken haben. Ohne seine kühne Vision vom Wiederaufbau des kriegszerstörten Europa unter Einschluss des für die Katastrophe verantwortlichen Deutschland wäre die wirtschaftliche und politische Gestalt des Kontinents heute eine andere “, antwortet Bausch.

Und er durfte sich ja das Haus nicht nur ansehen, als besondere Ehre empfand er es, dort auch zu reden, zu erzählen, wie wichtig das amerikanische Engagement in Europa, die aktive und erfolgreiche Gestaltung der Nachkriegsordnung in Westdeutschland für sein Leben war. Die Emotionen, die ein Mann wie Bausch dabei entwickeln kann, sind vielleicht für Jüngere nicht ganz so leicht verständlich. In seiner Generation konnte man, mit etwas Aufmerksamkeit, noch viel von dem Nachhall der NS-Diktatur, die die Elterngeneration geprägt hatte, spüren. Auf der anderen Seite sah man mit einem Blick nach Osten, welches Glück man hatte, nicht auch in eine Diktatur hineingeboren worden zu sein.

Heute kommt hinzu, dass US-amerikanische Politik meist unter einem selten näher definierten Generalverdacht steht. Das hat leider auch Auswirkungen auf den Rückblick. Ein Mann wie Marshall ist heute in Deutschland fast vergessen. 1997 hatte die Deutsche Post sein Konterfei auf eine Briefmarke zum 50. Jahrestag des Marshall-Plans gedruckt. Viel mehr öffentlichkeitswirksame Ehrung wurde ihm danach nicht zuteil. Generell werden die Erfolge amerikanischer Besatzungspolitik nach dem Zweiten Weltkrieg nur noch selten explizit gewürdigt. Ein Anlass, im Dezember vielleicht Marshalls 135. Geburtstag in Point Alpha zu feiern. (PKG)

„Es wäre weder angebracht noch zweckmäßig, wenn die Regierung der Vereinigten Staaten von sich aus ein Programm entwerfen würde, um die wirtschaftliche Wiederaufrichtung Europas durchzuführen. Das ist Sache der Europäer selbst. Ich denke, die Initiative muss von Europa ausgehen. Unsere Rolle sollte darin bestehen, den Entwurf eines europäischen Programms freundschaftlich zu fördern und später dieses Programm zu unterstützen, soweit das für uns praktikabel ist. Das Programm sollte ein gemeinschaftliches sein, vereinbart durch einige, wenn nicht alle europäischen Nationen.“

– George C. Marshall beschreibt in einer Rede vor Studenten der Havard Universität 1947 die Grundzüge des European Recovery Program. (ERP)