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Erstmaliger Einsatz von Kernwaffen über Hiroshima und Nagasaki vor 70 Jahren

veröffentlicht am 06.08.2015

Als die die Welt  am Abgrund stand -und niemand es ahnte

von Volker Bausch - Direktor der Point Alpha Stiftung

Das Jahr 2014 stand im Zeichen des Gedenkens an den hundertsten Jahrestag des Kriegsausbruchs 1914, die „europäische Urkatastrophe“, die etwa 17 Millionen Menschen das Leben kostete. Der darauf folgende 2. Weltkrieg, der mehr als 55 Millionen Opfer forderte, war ein Weltenbrand, wie es ihn bis dahin in der Geschichte noch nicht gegeben hatte und an dessen Ende in diesem Jahr vielerorts gedacht wurde.

Er gipfelte vor 70 Jahren -im August 1945- mit dem erstmaligen Einsatz von Kernwaffen über Hiroshima und Nagasaki und leitete damit eine neue Ära militärischer Konflikte ein: Mit der rasanten Entwicklung immer neuer atomarer Waffen- und Trägersysteme im Zeitalter des Kalten Kriegs wurde nunmehr auch die Auslöschung der Menschheit im „nuklearen Armageddon“ möglich.

1962 stand die Welt während der Kuba-Krise am Rande eines Atomkriegs; Presse, Funk und Fernsehen berichteten stündlich darüber, und als die sowjetischen Frachter mit weiteren Mittelstreckenraketen an Bord nach ultimativer Aufforderung durch den amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy beidrehten und in ihre Heimathäfen zurückkehrten, war die Erleichterung weltweit ungeheuer groß.

Kaum bekannt ist jedoch, dass die Welt  21 Jahre später, 1983, womöglich näher am Rande eines alles vernichtenden atomaren Schlagabtauschs zwischen den Supermächten stand als 1962 und dessen Folgen alle Dimensionen gesprengt hätte: Schließlich befanden sich damals allein in den Arsenalen der USA und der Sowjetunion etwa 60.000 atomare Sprengköpfe.

Die Region um Point Alpha in der hessisch-thüringischen Rhön wäre eines der ersten Schlachtfelder dieses Krieges geworden: Nach allem, was aus der zeitgeschichtlichen Forschung bekannt ist, wären sowohl beim Angriff, als auch bei der Verteidigung im „Fulda Gap“, atomare Gefechtsfeldwaffen zum Einsatz gekommen, die das Gebiet rund um die Rhön, den Spessart und den Vogelsberg in eine nuklear verstrahlte Wüste verwandelt hätten. So war z.B. das nordhessische Treysa ein „Sonderwaffenlager“ für atomare Artillerie und auf dem Fliegerhorst Altenburg-Nobitz in Ostthüringen hatte die sowjetische Luftwaffe nach neuesten Recherchen vermutlich 30 taktische atomare Freifallbomben mit je 30 kt Sprengkraft (mehr als doppelt so viel wie die der Hiroshima-Bombe) für den Gefechtsfeldeinsatz gebunkert, mit denen dort stationierte MIG- und Suchoi-Jagdbomber bestückt werden konnten.

Der ehemalige Befehlshaber der GSSD (Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland), Generaloberst Matwei Burlakov, bestätigte bei einem Besuch in Fulda 1994, dass die Stadt im Kriegsfall das erste Ziel der sowjetischen Truppen gewesen wäre und dass dort das sowjetische Hauptquartier errichtet werden sollte.

In einer Zeit, in der die territoriale Integrität einer europäischen Nation missachtet wird, in der Konflikte (wieder) militärisch ausgetragen werden, und in der überwunden geglaubte Rhetorik sowie militärische Machtdemonstrationen und Drohgebärden wieder Schlagzeilen machen, ist es wichtig, daran zu erinnern, dass die Welt in einem ähnlichen politisch-militärischen Klima vor 32 Jahren beinahe zufällig in den nuklearen Abgrund getaumelt wäre.

 

Am 26. September 1983 war Stanislav Jewgrafowitsch Petrow, 44 Jahre, Ingenieur, Systemanalytiker und Oberstleutnant der sowjetischen Luftstreitkräfte, diensthabender Offizier im geheimen unterirdischen Bunkerkomplex Serpuchow-15 nahe Moskau. Von dort wurden Raketenbasen weltweit, insbesondere aber die etwa 1000 Silos der amerikanischen Minuteman und Titan-Raketen durch Kosmos-Spionagesatelliten mit dem neuen Überwachungssystem „OKO“ (Auge) rund um die Uhr beobachtet.

Plötzlich, kurz nach Mitternacht, leuchtet auf dem dreißig Meter messenden Kontrollschirm das Signal "CTAPT NYCK" (Start) auf und Alarmsirenen beginnen zu heulen; kurz darauf erscheint ein Signal: Offensichtlich ist eine Minuteman-Rakete aus einer der immer aus 10 Silos bestehenden Abschussbasen der Vereinigten Staaten gestartet.

Während Petrow seine Vorgesetzten informiert und die Computersysteme checkt, meldet das OKO-System des Satelliten Kosmos 1382, das die Lichtblitze startender Raketentriebwerke registriert, den Abschuss einer zweiten, einer dritten und schließlich einer vierten Minuteman -Rakete, offensichtlich alle von der Malmstrom Air Force Base in Montana abgefeuert.

Fieberhaft wird das Computersystem geprüft: Es funktioniert einwandfrei. Das heißt: Vier Interkontinentalraketen, jede mit mehreren Atomsprengköpfen mit bis zu 500 Kilotonnen Sprengkraft (die „Hiroshima-Bombe“ hatte etwa 13 Kilotonnen) bestückt, sind auf einer ballistischen Flugbahn über den Nordpol in Richtung Sowjetunion. Es bleiben etwa zwanzig Minuten, bis sie sowjetisches Territorium erreichen. Da erscheint eine neuer Alarm: Eine weitere, fünfte Rakete ist gerade gestartet, erneut von der gleichen Basis.

Das Warnsystem im Bunker Serpuchow-15 meldet nun „Raketenangriff“.

Alles deutet darauf hin, dass 21 Jahre nach der Kuba-Krise das Undenkbare geschehen ist: Die Vereinigten Staaten haben einen nuklearen Angriff begonnen. Die atomare Apokalypse scheint unausweichlich, denn eigentlich muss sofort der Gegenschlag durch sowjetische Interkontinentalraketen ausgelöst werden.

1983 war ein Jahr extremer Spannungen zwischen den Supermächten: Nur dreieinhalb Wochen zuvor, am 1. September, hatte ein sowjetisches Jagdflugzeug eine Boeing 747 der südkoreanischen Fluggesellschaft KAL mit 269 Menschen an Bord – darunter auch ein amerikanischer Kongressabgeordneter – westlich der Halbinsel Kamtschatka abgeschossen; die sowjetische Führung hatte behauptet, dass die Maschine, die durch einen Navigationsfehler vom Kurs abgekommen und deutlich als zivile Maschine gekennzeichnet war, ein amerikanisches Spionageflugzeug gewesen sei.

Der Abschuss der KAL 007 war ein erneuter Höhepunkt im Kalten Krieg, der nach einer Entspannungsphase in den 1970ern wieder heiß zu werden drohte: Die Sowjetunion hatte trotz Entspannungspolitik weiter atomar aufgerüstet und 1977 in Weißrussland sowie der Ukraine hochmobile neue Mittelstreckenraketen vom Typ RSD 10 „Pioner“ (besser bekannt unter dem NATO-Code „SS-20“), die ihr Zielgebiet Westeuropa nur wenigen Minuten erreichen konnten.

Die NATO reagierte darauf mit ihrem umstrittenen „Doppelbeschluss“ vom 12. Dezember 1979: Der Sowjetunion wurden Verhandlungen über den Abbau der SS-20 angeboten; sollte es aber zu keiner Einigung kommen, würde der Westen seinerseits Pershing-II-Mittelstreckenraketen und Tomahawk- Marschflugkörper in Mitteleuropa aufstellen.

Dies sollte unter allen Umständen verhindert werden und das Politbüro der KPdSU ordnete die massive politische und propagandistische Unterstützung aller parlamentarischen und außerparlamentarischen Gegner des Doppelbeschlusses in den westlichen Staaten an.

Im Dezember 1979 rückten sowjetische Truppen zur „brüderlichen Hilfe“ in Afghanistan ein und besiegelten damit das vorläufige Ende der Entspannungspolitik der frühen 1970er Jahre.

In der amerikanischen Außenpolitik deutete sich ein radikales strategisches Umdenken an: „Wir müssen die Sowjetunion zwingen, die Konsequenzen ihrer ökonomischen Probleme in vollem Ausmaß zu erleiden“, formulierte ein Berater des Weißen Hauses die neue Linie.

Ronald Reagan, der 1981 als 40. Präsident der USA vereidigt wurde und einen kompromisslosen Kurs gegenüber Moskau einschlug, bezeichnete das Ziel dieser Politik die Erhaltung des „Friedens durch Stärke“; sie sollte der Sowjetunion („das Reich des Bösen“) politische Grenzen aufzeigen und sie gleichzeitig „totrüsten“, also das System an die Grenze seiner ökonomischen Leistungsfähigkeit bringen.

In Moskau war nach dem Tod Leonid Breschnews 1982 der KGB-Chef Jurji Wladimirowitsch Andropow, 68 Jahre alt und schon von schweren Krankheiten gezeichnet, zum neuen Generalsekretär der KPdSU gewählt worden. Zu dieser Zeit zeichnete sich bereits ab, dass die Invasion in Afghanistan nicht nur politisch, sondern auch militärisch ein Desaster werden würde; in Polen begann mit der Solidarnosc-Bewegung der Niedergang und letztlich der Zerfall des kommunistischen Regimes Ost-und Mitteleuropas.

Die enormen Ausgaben, die das Wettrüsten mit den USA erforderte sowie die „imperiale Überdehnung“ des Sowjetreiches hatten die wirtschaftliche Krise der Sowjetunion und in Folge auch der übrigen Staaten des Ostblocks erheblich verschärft und trugen zum weiteren Anwachsen der oppositionellen Kräfte bei.

All dies sowie die aggressivere, „robuste“ Außen- und Geopolitik der Vereinigten Staaten und der NATO ließen in Teilen der sowjetischen Führung – auch bei Andropow – die Überzeugung reifen, dass der Westen einen Erstschlag gegen die Sowjetunion vorbereite. Dazu trug sicher auch die von Ronald Reagan im März 1983 verkündete Entwicklung eines weltraumgestützten Abwehrsystems gegen Interkontinentalraketen bei, das den USA einen strategischen Vorteil gebracht hätte, aber schon bald wegen technischer Probleme und  aus finanziellen Gründen eingestellt wurde.

Die Situation verschärfte sich, als sich mit zunehmender Handlungsunfähigkeit Andropows die Machtzentrale der Sowjetunion mehr und mehr in den militärischen Bereich verschob, dessen Generalität das Szenario eines amerikanischen Erstschlags in den Jahrzehnten des Kalten Kriegs verinnerlicht hatte.

Nach Einschätzung amerikanischer Diplomaten war die Situation nicht ohne Risiko: Die sowjetische Führung könnte es, in die Enge getrieben, als ihre „historische Mission“ betrachten, die Sowjetunion mit allen, auch nuklearen Mitteln, zu verteidigen und dem kapitalistisch-imperialistischem System, das nach marxistisch-leninistischer Ideologie ohnehin „gesetzmäßig“ dem Untergang geweiht war, den Todesstoß zu versetzen. Es war allerdings für den Westen in dieser Zeit nur sehr schwer zu beurteilen, welche politische Richtung innerhalb der sowjetischen Führung  gerade die Oberhand hatte – die eher pragmatische um den Außenminister Gromyko oder die Hardliner unter Verteidigungsminister Ustinov.

Schon 1981, damals noch als Chef des Geheimdienstes KGB, hatte Andropow die „Operation RYaN“ (Raketno-Yadernoje Napadenije = atomarer Raketenangriff) angeordnet: Die KGB-Residenturen in den wichtigsten westlichen Ländern wurden beauftragt, nach allen nur möglichen Hinweisen auf den angeblich geplanten nuklearen Überfall, wie z.B. unübliche Aktivitäten in Ministerien, NATO-Dienststellen oder Krankenhäusern zu suchen. Das führte zu grotesken Situationen, etwa dem Zählen beleuchteter Fenster in den Verteidigungsministerien oder dem Beobachten der Belegung der dortigen Parkplätze. Tausende dieser „Beobachtungen“ wurden dann ohne weitere Auswertung an die KGB-Zentrale nach Moskau berichtet und daraufhin überprüft, ob daraus Angriffsvorbereitungen abgeleitet werden könnten.

„RYaN“ dauerte fast drei Jahre und war die größte Geheimdienstoperation in der Geschichte der Sowjetunion, zu der auch viele „befreundete Dienste“, unter anderem die „Hauptverwaltung Aufklärung“ des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR, beitrugen. Allerdings hielten viele Agenten, übrigens auch der damalige Leiter der HVA, Markus Wolf, die ganze Operation für reine Zeitverschwendung. Wolf äußerte später sogar, die sowjetischen Kollegen seien „besessen“ von der Furcht eines nuklearen Erstschlags durch die USA gewesen.

Die NATO sowie die westlichen Geheimdienste hatten von dieser „Obsession“ und der Furcht der sowjetischen Führung vor einem nuklearen „Blitzkrieg“ offensichtlich keine Ahnung und so führte das westliche Bündnis im Herbst 1983 eines seiner regelmäßig stattfindenden REFORGER-Manöver (Return of Forces to Germany = Rückverlegung von US-Truppen nach Deutschland) durch. Diese wurden natürlich von den gegnerischen Geheimdiensten im Vorfeld und auch während der eigentlichen Manöverphase ebenso regelmäßig beobachtet und ausgewertet. Insofern war also das  Manöver „Autumn Forge“, das im Herbst 1983 stattfand und an dem 40.000 US- und Nato- Soldaten in Westeuropa beteiligt waren, nichts Neues. Rund 19.000 amerikanische GIs wurden per Luftbrücke nach Deutschland eingeflogen und bemannten die dort in Depots gelagerten Panzer und Fahrzeuge.

Neu war jedoch die geheime Nato-Stabsübung „Able Archer“, die den Abschluss von „Autumn Forge“ bildete und mit bisher unbekannten Kommunikations- und Verschlüsselungstechniken durchgeführt wurde. Während der Übung wurden alle Stufen des Verteidigungszustands „DEFCON“ (Defense Condition), einschließlich DEFCON 1 mit dem Einsatz nuklearer Waffen, simuliert.

Als die KGB-Agenten die Vorbereitungen von „Able Archer“ sowie das Manöverszenario nach Moskau meldeten, war für die dortige Führung klar, dass es sich hierbei um den Termin des schon lange befürchteten Schlags gegen die Sowjetunion handelt. Sofort wurden Vorbereitungen für einen Präventivschlag gegen die NATO angeordnet: Ein Dutzend nuklear bewaffneter Bomber wurde in Osteuropa, auch in der DDR, auf die Startbahnen beordert und bereitgehalten. Rund 70 SS-20, jede mit drei Sprengköpfen von je 150 Kilotonnen bestückt, wurden in die vorgesehenen Abschusspositionen verlegt.

Der Doppelagent und KGB-Oberst Oleg Gordijewski lieferte in dieser Zeit der NATO wichtige Informationen über die Reaktion der Sowjetunion auf das Manöver. Den leitenden NATO-Gremien wurde erst jetzt bewusst, in welch gefährlicher Situation sich die Supermächte befanden, und es wurde angeordnet, die Übung nicht bis ins letzte Detail auszuspielen. Insbesondere die geplante Unterbringung hoher westlicher Regierungsmitglieder in Kommandobunkern wurde abgebrochen. Präsident Reagan zeigte sich demonstrativ beim Ausritt auf seiner kalifornischen Ranch; die Fernsehbilder wurden auch in Moskau gesehen und bewiesen, dass der Kopf der westlichen Führungsmacht Freizeitbeschäftigungen nachging.

Oberstleutnant Petrow hatte nach eigenen Angaben weder von der „Operation RYaN“, noch von „Able Archer“ je etwas gehört. Als Systemanalytiker versucht er jetzt, am 26. September 1983, im unterirdischen Bunker Serpuchow-15 zu interpretieren, was die Bildschirme wirklich sagen. Ist ein amerikanischer Angriff mit nur 5 Minuteman-Raketen wahrscheinlich? Müsste ein Angriff, wenn er denn die Sowjetunion entscheidend treffen und keinen Gegenschlag mehr ermöglichen sollte, nicht mit dutzenden oder mehr Interkontinentalraketen gleichzeitig durchgeführt werden?

Analysiert er jetzt einen Angriff, dann sind die Alarmkette und der folgende nukleare Gegenschlag durch sowjetische Raketen wohl nicht mehr zu stoppen.

Oberstleutnant Petrow trifft eine einsame Entscheidung, die vermutlich die Welt rettet - und meldet Fehlalarm, bevor nach langen Minuten die Bodenradarstationen tatsächlich bestätigen, dass keine Minuteman-Raketen im Anflug sind.

Hätte er den Ernstfall gemeldet, wäre die Welt, wie wir sie heute kennen, in einem nuklearen Feuer, entfacht von tausenden amerikanischen und sowjetischen Sprengköpfen, jeder um ein vielfaches stärker als die Hiroshima-Bombe, untergegangen. Englische Wissenschaftler berechneten, dass in diesem Fall etwa eine dreiviertel Milliarde Menschen ums Leben gekommen und etwa 400 Millionen verletzt worden wären.

Eine Untersuchung ergab, dass der Satellit Kosmos 1382 mit dem OKO-System eine starke Reflektion von Sonnenstrahlen auf hohe Wolkenschichten als Startblitze mehrerer Interkontinentalraketen interpretiert hatte. Zufälligerweise war dieses optische Phänomen genau über einer der amerikanischen Minuteman-Abschussbasen aufgetreten.

Stanislaw Petrows Vorgesetzte hatten kein Interesse daran, die Unzulänglichkeiten des Frühwarnsystems publik werden zu lassen. So wurde der Mann, der die nukleare Apokalypse des Jahres 1983 verhinderte, auf einen anderen Posten versetzt und schied bald darauf aus der Armee aus.

Am 13. Januar 2013 wurde Petrow mit dem Dresden-Preis für Konflikt- und Gewaltprävention ausgezeichnet.

Ronald Reagan, der im Nachhinein von der kritischen Situation erfuhr, änderte zu Beginn des Jahres 1984 seinen außenpolitischen Kurs und bot der sowjetischen Führung Verhandlungen über die Reduzierung von Massenvernichtungswaffen an. In seinen Memoiren „Ein amerikanisches Leben“ schreibt er später:

„Drei Jahre hatten mich etwas Überraschendes über die Russen gelehrt: Viele Mitglieder der sowjetischen Führungsspitze fürchteten sich tatsächlich vor Amerika und den Amerikanern. Das hätte mich vielleicht nicht überraschen sollen, tat es aber…

Je mehr Erfahrung ich mit sowjetischen Politikern hatte, umso mehr kam ich zu der Überzeugung, dass viele von Ihnen uns nicht nur als Gegenspieler, sondern als potenzielle Aggressoren betrachteten, die bei erster Gelegenheit nukleare Waffen gegen sie einsetzen würden. Nun, wenn das so war, musste ich mit einem führenden russischen Politiker in einem Raum zusammenkommen und ihn davon überzeugen, dass die Sowjetunion nichts Derartiges von uns zu befürchten hätte…“

Beim ersten Treffen zwischen dem neuen Generalsekretär der KPdSU, Michail Gorbatschow und Ronald Reagan im Jahr 1985 gaben sich die USA und die Sowjetunion zum ersten Mal gegenseitig die Zusicherung, keine militärische Vorherrschaft anzustreben. In der gemeinsamen Erklärung heißt es, „dass ein Atomkrieg nicht gewonnen werden kann und niemals ausgefochten werden darf". Die Supermächte einigten sich darauf, das atomare Wettrüsten zu beenden und reduzierten in der Folgezeit ihre Kernwaffenarsenale von etwa 60.000 auf rund 17.000 Sprengköpfe. 1987 wurde auf Betreiben Michail Gorbatschows die neue, defensive Militärdoktrin des Warschauer Paktes in Kraft gesetzt und entspannte so auch die Lage im Fulda Gap. Mit der letzten Grenzpatrouille des 11th Armored Cavalry Regiments im März 1990 endete der Kalte Krieg auch in der hessisch-thüringischen Rhön endgültig.

Die politischen Führer der USA und der ehemaligen Sowjetunion gelangten 1985 zu dem Schluss, dass offene militärische Konflikte zwischen den Supermächte unter allen Umständen vermieden werden müssen und dass dazu vernunftgeleitete Politik, Berechenbarkeit und gegenseitiges Vertrauen notwendig sind.

Diese Maximen, gewonnen aus der Erkenntnis, dicht am nuklearen Abgrund gestanden zu haben, sind zeitlos in ihrer Bedeutung für die Menschheit. Es bleibt zu wünschen, dass sie auch in der Gegenwart Richtschnur und Kompass außenpolitischen Handelns bleiben.